Es gibt Menschen, die joggen, um den Kopf freizubekommen. Andere meditieren, laufen Marathon, pflegen Bonsai-Bäume. Und dann gibt es Alex Schlüter.
Für sie steckt die Welt in einem Karton. In einem Spielbrett, in einem Satz farbiger Würfel, in einem Deck aus liebevoll illustrierten Karten. „Spielen ist überlebenswichtig“, sagt sie. Und meint das genauso, wie andere sagen: „Ich brauche es wie Luft zum Atmen.“
Schlüter, Anfang 50, semiprofessionelle Spielerin mit ironisch-blitzenden Augen, ist keine, die zufällig ins Hobby hineingestolpert ist. Es war da, seit sie denken kann – Samstage mit der Mutter, der Vater, der ihr als Sechsjährige Spiele beibrachte, die sie eigentlich gar nicht spielen durfte. Und ein Spiel, das sie bis heute verfolgt: Hase und Igel, das erste „Spiel des Jahres“ überhaupt. „Ich hatte das als Kind. Und ich hab’s nicht aufgehoben“, sagt sie und lacht. Dann schaut sie kurz so, als würde sie das ihrem jüngeren Ich noch heute übelnehmen. Wie andere einer Lieblingsplatte nachtrauern, die irgendwann mit dem Hausmüll verschwand.
Von Schach zu den Siedlern – und immer weiter
Später kamen Pausen, Partys, Studium. Dann das Comeback: Die Siedler von Catan. „Da ging’s wieder los“, sagt sie. Abende mit Freunden, Runden mit dem damaligen Mann, später mit ihrem Sohn Aaron, Spiele als Familienritual. Unterhaltung, Eskapismus – und irgendwann mehr.
Denn spielerisch blieb Schlüter nicht bei den angesagten, auch aktuellen Spielen. Parallel spielte sie seit ihrem zwölften Lebensjahr Schach im Verein, ernsthaft, diszipliniert, mit Wettbewerbsdruck und Wertungszahlen. „Ich hab das viele Jahre intensiv gemacht“, sagt sie.
In ihren Zwanzigern gab es dann eine erste Spielegruppe, ein fester Kern von mehreren Leuten- und immer auch wechselnde Gäste. Und dann kam jener Moment, den viele in der Szene kennen: das erste „richtige“ Brettspiel. Komplex, verzahnt, stundenlang. In ihrem Fall: Auf den Spuren von Marco Polo. „Da war es um uns geschehen.“
Ein Hobby wird ein Zuhause
Aus der Gruppe wurden Jahre später viele. 2019 formierten sich über Facebook Gleichgesinnte, 2020 gründeten sie einen Verein: die Brettspielgefährten Dülmen. Sieben Gründungsmitglieder, stark wachsende Community. Heute verabreden sie sich zum Spielen; früher wühlten sie sich erst einmal durch die Chaosphase digitaler Treffen. „Wir spielen bunt“, lautet ihr Motto – ein Satz, der nicht nur auf die Spiele, sondern auch auf die Menschen passt.
Für Alex Schlüter war dieser Verein mehr als ein Freizeitprojekt. Er kam in einer für sie schwierigen Zeit. „Das hat mich damals wirklich gerettet“, sagt sie. Brettspiele als soziales Netz – genauer: ein stabiles, tragfähiges Fundament. Freundschaften seien dort entstanden, manche jahrzehntelang gewachsen, andere frisch. „Es gibt Leute, die treffe ich ausschließlich zum Spielen. Und das ist völlig okay“, sagt sie. Nähe misst sich nicht in Alltagsdetails, sondern manchmal in gemeinsam überstandenen Würfelwürfen.
„Ich kann nicht mit Spielen, die aussehen wie Excel.“
Was ein Spiel können muss
Die Frage, was ein gutes Brettspiel ausmacht, beantwortet sie mit einer Mischung aus Erfahrung, Leidenschaft und Fachterminologie.
Erstens: ein stimmiges Thema. Nicht aufgesetzt, nicht drangepappt.
Zweitens: funktionierende Mechaniken. „Unbalanced“ – also unausgewogen – ist ein rotes Tuch.
Drittens: keine übermäßige Downtime, die Zeit, in der man nur wartet, bis andere dran sind. „Für manche ist das egal. Für mich nicht.“
Und viertens – vielleicht das Wichtigste: die Optik. „Ich kann nicht mit Spielen, die aussehen wie Excel“, sagt sie. Farben, Illustrationen, Materialqualität: all das entscheidet für sie, ob ein Spiel sagt: „Spiel mich.“
Das Paradebeispiel ist Everdell – das wahrscheinlich charmanteste Waldtierreich der Brettspielgeschichte. Für Schlüter ist es „das perfekte Spiel“, obwohl es nicht ihr Lieblingsspiel ist.
Dieser Titel gehört einem anderen: Terraforming Mars. Ein strategisches Mammut, inklusive eigener Meisterschaft, an die sie sich „noch nicht getraut“ hat.
Wissenswertes
Spiel des Jahres
Das Spiel des Jahres wurde erstmals 1979 verliehen, damals war der Preisträger „Hase und Igel“. Mit dem Spiel des Jahres werden besonders familienfreundliche Spiele ausgezeichnet, die auch Brettspielneulinge für das Spielen begeistern. Seit 2001 gibt es außerdem den Preis „Kinderspiel des Jahres“, hier ist „Klondike“ das erste ausgezeichnete Spiel.
Mit dem Kennerspiel des Jahres wurde im Jahr 2011 auch ein Preis für anspruchsvollere Spiele ausgelobt. Erster Gewinner in dieser Kategorie war „7 Wonders“. Markenzeichen des Spiel des Jahres ist der „rote Pöppel“ auf der Schachtel, an dem der Preisträger sofort zu erkennen ist.
Das Kinderspiel ziert ein blauer Pöppel, das Kennerspiel ist am dunkelgrauen Pöppel zu erkennen“. Neben dem Spiel des Jahres gibt es noch zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zu nennen ist hier vor allem der Deutsche Spielepreis.
Anders als beim „Spiel des Jahres“, bei dem eine Jury manchmal auch kontroverse Entscheidungen über die Preise trifft, resultiert der deutsche Spielepreis aus einem Votum der Community.
Welche Genres gibt es?
Vor allem im Bereich anspruchsvoller Brettspiele definieren diese sich über ihre Mechanik. Beim Workerplacment werden zum Beispiel Spielfiguren, meist Meeple genannt, auf dem Brett eingesetzt, um dort bestimmt Aktionen auszuführen. Deckbuilding beschreibt den Mechanismus, im Lauf des Spiels Karten zu kaufen oder zu sammeln, um so eine möglichst schlagkräftige Kartenhand zu erhalten.
Unter Engine-Building versteht man die Mechanik, im Lauf des Spiels immer neue Aktionen freizuschalten, um so möglichst Effektive Effektketten zu bilden. Bei Social Deduction hingegen geht es darum, ein Geheimnis zu entdecken – häufig gilt es, einen Verräter zu enttarnen. Das ist aber nur eine kleine Auswahl, es gibt noch viele weitere Mechaniken, von denen in den Spielen häufig gleich mehrere zum Einsatz kommen.
Eine gute Übersicht findet sich auf www.boardgamegeek.com. Die Seite ist die größte, allerdings englischsprachige Sammlung zum Thema Brettspiele weltweit.
Brettspiele werden digital
Brettspiele sind zwar immer noch ein in erster Linie analoges Hobby, aber auch hier darf es gerne mal digital werden. So gibt es mittlerweile eine Reihe von Spielen, die eine App benötigen. Bestes Beispiel sind hier die beliebten Exit-Spiele, bei denen die App-Unterstützung längst über einen reinen Timer hinausgeht.
Andere Spiele lassen via App einen virtuellen Spielleiter erscheinen, wieder andere nutzen andere Medien wie Musik als Spielelement. Bestes Beispiel ist hier „Hitster“, dass sich mit seiner erfrischenden Variante eines Musikquizes längst eine hartgesottene Fangemeinde geschaffen und zahlreiche Ableger auf den Markt geworfen hat.
Daneben finden Spiele auch gänzlich ihre Umsetzung als App oder PC-Spiel. Immer mehr Klassiker werden digital umgesetzt – mal mehr, mal weniger gelungen. Ob Terraforming Mars, Terry Mystica oder Flügelschlag – Brettspielfreunden, denen es an Mitspielern mangelt, finden online ausreichend Gelegenheit, ihrem Hobby zu frönen.
Mit Boardgamearena oder der Brettspielwelt gibt es zwei Plattformen, die speziell für Brettspielumsetzungen geschaffen wurden und sich regelmäßig weiter füllen. Und auch „reine“ PC-Spieleplattformen wie Steam haben mittlerweile sehr gute Brettspieladaptionen in ihrem Sortiment. Einen Boom gab es – wenig verwunderlich – in der Coronazeit, als die virtuellen Brettspielwelten eine willkommene Abwechslung boten.
Erwähnenswert sind auch eine Reihe Youtube-Kanäle, auf einen gefachsimpelt, rezensiert oder einfach mal eine Regel anschaulich erklärt wird.
Lebensabschnittsspiele
Es gibt Regale voller Spiele, aber nicht jedes wird regelmäßig gespielt. Manche bleiben, weil sie Erinnerungen tragen. Dominion zum Beispiel, das sie mit ihrem Sohn „rauf und runter“ gespielt hat. „Es gibt Lebensabschnittsspiele“, sagt sie. Wie Songs, die einen an früher erinnern, auch wenn man sie heute nicht mehr hört. Brettspiele als Chronik eines Lebens.
Der Kosmos-Verlag ist hier übrigens als Spielehersteller, ein gute Quelle, für alle, die sich vorstellen können ebenfalls begeisterter Spieler in einem Kosmos voller faszinierender Möglichkeiten zu werden.
Schlüter spielt, weil es Verbindung schafft, Struktur, Freude. Und weil ein gutes Spiel etwas kann, was sonst selten gelingt: Es macht für ein, zwei Stunden die Welt überschaubar. Berechenbar. Handhabbar.
„Ich könnte stundenlang darüber reden“, sagt sie am Ende des Gesprächs. Und man glaubt ihr sofort. Schließlich ist die Welt groß – aber auf einem Spielbrett manchmal genau richtig groß.